Hattest du kürzlich einen Notfall, bei dem es drunter und drüber ging? Haben deine Mitarbeiter und du in der Hektik beinahe den Patienten verloren? Oder fürchtest du, dass dein Team bei einem plötzlichen Notfall einen Fehler macht?

Dann ist es wichtig, dass du etwas dagegen unternimmst: Bis zu 70 % aller „Zwischenfälle“ ereignen sich aufgrund von schlechter Zusammenarbeit, falsche Entscheidungen in der Stresssituation und weil Leitlinien in dieser Situation „vergessen“ werden.

Notfallmanagement setzt genau hier an. Es hilft dir, dein Team bei einem Notfall besser zu koordinieren und nachweislich Fehler und Stress zu vermeiden.

Egal ob du eine Arztpraxis führst oder als Notarzt unterwegs bist: Notfallmanagement sollte jeder Mediziner kennen und einsetzen!

Als erfahrener Notarzt und Intensivmediziner kenne ich diese Situation nur zu gut aus der Praxis. Daher habe ich in diesem Beitrag eine Checkliste mit 15 wichtigen Punkten für dich erstellt. Die Liste soll dir in Zukunft helfen, anspruchsvolle Notsituationen mit deinem Team sicher zu meistern.

Hier die Checkliste kurz im Überblick:

  1. Kenne deine Arbeitsumgebung. Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  2. Antizipiere und plane voraus. Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  3. Fordere Hilfe an – lieber früh als spät.Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  4. Übernimm die Führungsrolle oder sei ein gutes Teammitglied mit Beharrlichkeit. Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  5. Verteile die Arbeitsbelastung (Verwende das 10-für-10-Prinzip).Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  6. Mobilisiere alle verfügbaren Ressourcen. (Personen und Technik). Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  7. Kommuniziere sicher und effektiv – und sag, was dich bewegt. Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  8. Beachte und verwende alle vorhandenen Informationen. Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  9. Verhindere und erkenne Fixierungsfehler. Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  10. Habe Zweifel und überprüfe genau. (Double check! / Nie etwas annehmen). Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  11. Verwende Merkhilfen und schlage nach. Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  12. Re-evaluiere die Situation immer wieder (10-für-10-Prinzip). Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  13. Achte auf gute Teamarbeit – andere unterstützen und sich koordinieren. Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  14. Lenke deine Aufmerksamkeit bewusst. Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)
  15. Setze Prioritäten dynamisch – „Treat first, what kills first”. Zur detaillierten Erklärung (Ankerlink)

#1 Kenne deine Arbeitsumgebung

Wo ist der Defibrillator? Wie bedienst du ihn? Wo sind die Medikamente? Wo sind die Nadeln dazu?

Wenn du und dein Team die Arbeitsumgebung nicht kennen, werdet ihr im Notfall weder die notwendigen Geräte und Medikamente finden, noch wissen, wie ihr sie anwendet.

#2 Antizipiere und plane voraus

Indem du vorausplanst, vermeidest du Stress. Dadurch passieren weniger Fehler.

Du solltest zum Beispiel schon drei bis vier Minuten bevor Medikamente gebraucht werden einen Mitarbeiter auffordern, diese vorzubereiten.

#3 Fordere Hilfe an – lieber früh als spät

Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn du den Notarzt informierst oder einen Kollegen um Hilfe bittest. Hier gilt: Hole bei einem Notfall am besten frühzeitig Hilfe und lieber einmal zu oft als zu wenig. Schließlich geht es hier um ein Menschenleben.

#4 Übernimm die Führungsrolle oder sei ein gutes Teammitglied mit Beharrlichkeit

Als Arzt solltest du bei einem Notfall nicht anfangen, Medikamente zu holen oder den Defibrillator vorzubereiten. Stattdessen ist es deine Aufgabe, deine Mitarbeiter zu delegieren.

Als Teammitglied solltest du die Aufgaben, welche dir zugeteilt werden, entschlossen ausführen.

#5 Verteile die Arbeitsbelastung (Verwende das 10-für-10-Prinzip)

Verteile je eine Aufgabe pro Person. Ein Mitarbeiter ruft den Notarzt, ein anderer holt den Defibrillator. Erst sobald diese Aufgabe erledigt ist, delegierst du die nächste.

Während deine Mitarbeiter Ihre Aufgaben „abhaken“ und Erste-Hilfe-Maßnahmen umsetzen, solltest du dich um das 10-für-10-Prinzip kümmern. Das 10-für-10-Prinzip steht für „zehn Sekunden für zehn Minuten“ und bedeutet hier: Nimm dir 10 Sekunden Zeit und frage dich,

  • Was ist das Hauptproblem?
  • Welches Team steht dir zur Verfügung?
  • Welche Infos hast du zum Patienten?

Verteile dann die Aufgaben.

Dadurch kannst du 10 Minuten gewinnen. Siehst du zum Beispiel einen Mann bei Minusgraden draußen auf der Straße liegen, kannst du 10 Minuten gewinnen, indem du ihn in den Eingangsbereich eines Gebäudes trägst.

#6 Mobilisiere alle verfügbaren Ressourcen. (Personen und Technik)

Es ist wichtig, dass du im Notfall alle verfügbaren Ressourcen verwendest: Vom Defibrillator über Medikamente bis hin umstehenden bzw. vorbeilaufenden Personen.

Passiert beispielsweise ein Unfall auf der Skipiste, gleich hinter einer Kuppe? Dann solltest du Umstehende anweisen, ihre Skier an der Kuppe mit als „X“ aufzustellen. Dadurch werden andere Skifahrer dazu gezwungen, einen Bogen um die Kante zu bilden und fahren nicht versehentlich in euch rein.

#7 Kommuniziere sicher und effektiv – und sag, was dich bewegt

Nach meinen Kursen frage ich die Teilnehmer manchmal: „Ist dir aufgefallen, dass wir den Defibrillator nicht benutzt haben?“ Als Antwort bekomme ich meist sinngemäß: „Ja, aber ich wollte mich nicht einmischen.“

Im Notfall ist es allerdings wichtig, dass man sich einmischt. „Noble Zurückhaltung“ wie man sie vielleicht in anderen Situationen gegenüber einem Vorgesetzten oder Kollegen pflegt, ist hier fehl am Platz, schließlich geht es um das Leben eines Patienten. Deine Mitarbeiter sollten wissen, dass sie dir im Notfall widersprechen oder dich auf Fehler hinweisen müssen.

#8 Beachte und verwende alle vorhandenen Informationen

Befrage Angehörige, lies die Arztbriefe, sieh dir den Patienten genau an. Ist er grün im Gesicht? Sieht er vergiftet aus? Hat er Nadeln neben sich liegen? Berichten Angehörige von Vorerkrankungen?

Dadurch kannst du sinnvolle Maßnahmen setzen, um Zeit zu gewinnen und dem Patienten das Leben zu Retten.

#9 Verhindere und erkenne Fixierungsfehler

Zu diesem Punkt möchte ich dir ein – trauriges – Beispiel nennen. Ein Notarzt wurde zu einem Notfall in ein Fitnessstudio gerufen. Eine junge, sportliche Krankenschwester ist dort beim Spinning zusammengebrochen.

Die Patientin berichtete von einem Druck auf der Brust und vermutete einen Herzinfarkt. Der Notarzt sah allerdings die fit aussehende Frau und winkte ab. Er schloss einen Infarkt aus und vermutete einen psychosomatischen Hintergrund.

Weil die Frau darauf bestand, wurde sie trotzdem in die Klinik gebracht. Vorerst beachtete man sie dort nicht, bis sie schließlich ausflippte.

Anstatt sie in die Innere Medizin zu fahren, brachte man sie in die Psychiatrie. Einige Stunden später wurde sie mit schwerem Herzinfarkt leblos in ihrem Zimmer gefunden.

Geschichten wie diese passieren leider immer wieder. Ein Arzt gibt eine Vermutung ab, ein anderer nickt. So wird aus einer Vermutung eine voreilige Diagnose. Es ist sehr schwierig, einen solchen sogenannten „Fixierungsfehler“ zu erkennen. Sicherheitshalber sollte man nie voreilige Schlüsse ziehen und lieber mehrere Möglichkeiten untersuchen.

#10 Habe Zweifel und überprüfe genau. (Double check! / Nie etwas annehmen)

Bevor ein Pilot mit seinem Flugzeug abhebt, fragt er den Techniker, ob es vollgetankt ist. Er gibt sich aber nicht mit der Antwort allein zufrieden, sondern checkt selbst nochmal nach.

Das Prinzip des Double-Check gilt auch in der Medizin. Auch indem du etwas überprüfst, was dein Praxispartner erledigt hat, stellst du keinen Misstrauensantrag. Es handelt sich hier um Patientensicherheit.

Du möchtest schließlich auch nicht in einem Flieger mitfliegen, der vielleicht schon, vielleicht aber auch nicht vollgetankt wurde?

#11 Verwende Merkhilfen und schlage nach

Angenommen, einer deiner Kollegen fällt plötzlich um. Eine Biene surrt durch die Luft und du erinnerst dich: Er reagiert allergisch auf Bienen. Woran du dich nicht mehr erinnerst: Was musst du jetzt aus dem Notfallschrank holen? Adrenalin? Sauerstoff? Oder gar den Defibrillator?

Es ist kein Zeichen von Schwäche nachzulesen, welches Medikament du verwenden musst, oder welche Dosierung die richtige ist.

#12 Re-evaluiere die Situation immer wieder (10-für-10-Prinzip)

Überprüfe im zwei bis drei Minuten Takt, ob sich die Situation verändert. Hat der Patient plötzlich angefangen zu bluten?

Eine Notfallsituation ist immer dynamisch. Indem du die Situation re-evaluierst, kannst du Veränderungen besser wahrnehmen und die Behandlung daran anpassen.

Verwende hier wieder das 10-für-10-Prinzip. Nach 5 Minuten erfolgloser Reanimation ist es für den Patienten hilfreicher, wenn du die Situation überdenkst. Frage zum Beispiel die Angehörigen, ob irgendwelche Vorerkrankungen bekannt sind. Vielleicht erhältst du so die Lösung, ersparst dir 10 Minuten Arbeit und rettest dem Patienten das Leben.

#13 Achte auf gute Teamarbeit – andere unterstützen und sich koordinieren

Notfallmedizin ist ein Teamsport. Genauso wie ein Feuerwehrmann nicht allein zu einem Brand fahren sollte, solltest du als Arzt bei komplizierten Notfällen keine Alleingänge machen. Um ein Patientenleben zu retten reicht eine Person allein (und sei es ein noch so guter Mediziner) schlicht und einfach nicht aus.

#14 Lenke deine Aufmerksamkeit bewusst

Es ist normal, dass ein Notfall für dich eine Stresssituation darstellt. Stress führt allerdings zu einer Art Tunneldenken, wodurch dir vielleicht wichtige Details entgehen – zum Beispiel, dass dein Mitarbeiter gerade das falsche Medikament vorbereitet.

Lenke deine Aufmerksamkeit bewusst auf den Patienten und auf deine Umgebung. Nur so ist eine gute Re-evaluierung möglich und nur so erkennst du auch die Ressourcen, welche dir zur Verfügung stehen.

#15 Setze Prioritäten dynamisch – „Treat first, what kills first”

Folge dem Motto „Treat first, what kills first“: Wenn dein Patient blutet, stoppe die Blutung zuerst. Wenn jemand erstickt, kümmere dich zuerst darum (und nicht etwa um das gebrochene Bein).

Dieser Punkt klingt banal. Tatsächlich ist es aber sehr schwierig, im Stress richtige, rationale Entscheidungen zu treffen.Durch Training kannst du gutes Notfallmanagement trainieren und Fehler vermeiden

Nun kennst du die 15 Punkte, auf die es beim Notfallmanagement ankommt. Wie aber kannst du dir sicher sein, dass du sie auch im Notfall richtig anwendest?

Da hilft nur eines: Regelmäßiges Training. Beim Training für Arztpraxen werden Notfallsituationen realistisch nachgespielt und die CRM Punkte dabei verinnerlicht. Klicke jetzt auf diesen Link, wenn du mehr darüber wissen möchtest: https://simulationcenters.com/produkt/ordinationstraining/

Herzlichst,
das Ärzteteam der Simulation.Centers Corporation

Foto: © satura_ – stock.adobe.com